6 Lebenslehren, die meinen Schreibstil verbessert haben – und was Du daraus lernen kannst

Du suchst nach dem perfekten Schreibstil? Den gibt es nicht. Es gibt so viele Schreibstile wie Menschen auf der Welt. Und selbst der Schreibstil eines einzelnen Menschen verändert sich ständig – lebenslang. Deshalb ist Dein Schreibstil eng mit Deiner Lebensgeschichte verbunden. Deshalb ist Schreiben so persönlich. Deshalb kannst nur Du auf Deine Weise aufschreiben, was Du zu sagen hast. Ob jemand anders genau diesen Blogpost hätte schreiben und Dir genau diese Schreibtipps hätte geben können?

Blogpost von Anke Ernst: 6 Lebenslehren, die meinen Schreibstil verbessert haben – und was Du daraus lernen kannst. Photo by Gaelle Marcel on Unsplash

1. Dein Schreibstil reift, während Du liest

Am Familienesstisch musste ich mein Buch – oh Drama! – immer weglegen. Mahlzeiten waren für mich Entzug. Ich habe praktisch ständig gelesen – ein bisschen so, wie die meisten Menschen heute auf ihr Smartphone schauen. Wahrscheinlich habe ich „Realitätsflucht extreme“ betrieben, aber – wie auch dies, hat alles zwei Seiten: In meiner Kindheit habe ich ein (bisher noch nicht versiegtes) Textreservoir gefüllt, das mir heute immer noch als Inspirationsquelle dient. Ohne dass ich selbst besonders viel geschrieben hätte, hat sich mein Schreibstil entwickelt.

Auch wenn es sich nach Zeitverschwendung anfühlen mag: Lesen nährt Deinen Geist. Und zwar nicht nur mit Informationen, sondern auch mit Worten, Gedanken, Argumentationsstrukturen, Metaphern, Bildern und Stimmungen. Dazu musst Du nichts weiter tun als aufmerksam zu lesen, wonach Dir ist.

Übrigens: Heute lese ich weniger, merke aber, dass neue Texte meinem Schreibstil guttun. 

2. Dein Schreibstil wird einzigartig, wenn Du Dich mutig über Deine Innere Zensorin hinwegsetzt

Puh, war meine Pubertät eine schwere Zeit – voller Dramatik, gebrochenem Herzen, Selbstzweifel, Weltschmerz und Stress mit den Eltern. In dieser Zeit habe ich erfunden, was eigentlich schon erfunden war, von dem ich aber nichts wusste: das Freewriting. Zu gefühlt 1.000 Fragen über Sinn und Unsinn unserer Existenz, von „Warum er mich doch toll finden könnte“ zu „Wie könnte ich morgen diese Prüfung bestehen, ohne gelernt zu haben“ habe ich intuitiv meine Innere Zensorin ausgeschaltet und drauflos geschrieben – ohne nachzudenken, einfach nur mit dieser Frage im Kopf, gespannt darauf zu erfahren, was mein Innerstes dazu zu sagen hat.

Freewriting hilft Dir, Klarheit in einer Angelegenheit zu bekommen und ungeahnte Antworten aus Deinem Unbewussten zu kramen.

Stelle Dir eine konkrete Frage, setze einen Timer auf eine Zeit zwischen 10 und 20 Minuten, und schreib drauflos. Ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn es Dir hilft, Dich frei auszudrücken, versprich Dir, das Ergebnis das Klo runterzuspülen. Aber lies es Dir vorher unbedingt durch. Mindestens ein interessanter Gedanke oder Lösungsansatz wird dabei sein.

Übrigens: Je öfter Du diese Methode anwendest, desto besser kannst Du Dich über die Innere Zensorin hinwegsetzen. 

3. Dein Schreibstil darf trotz formaler Vorgaben nach Dir klingen

Bis heute finde ich die akademische Sprache problematisch. Gerade in meinem Hauptfach Literaturwissenschaften schreiben viele gerne dermaßen komplizierte, lange Sätze, dass man eine halbe Stunde braucht, um sie zu verstehen. Und dann fällt einem oft auf: Ein knapper, verständlicher Satz hätte es auch getan. Aber es geht diesen Menschen oft nicht darum, verstanden zu werden. Sie wollen lieber zeigen, wie wundervoll intelligent sie sich ausdrücken können.

Viele Autoren schreiben bewusst kompliziert, damit man länger braucht, um sie zu verstehen.

Na herzlichen Glückwunsch. Als Studentin dachte ich, ich müsste das auch so machen. Bis ich fast an meiner Magisterarbeit gescheitert wäre, weil ich tagelang an einzelnen Sätzen gefeilt habe. Dann habe ich nachgelesen, wie es auch gehen kann. Nämlich, indem man kluge Gedanken in eigene Worte packt und dabei die wichtigen Fachwörter verwendet.

Auch in der Fachsprache darf man Persönlichkeit zeigen. Es gibt immer Formalitäten, die Du beim Schreiben beachten musst. Du hast möglicherweise Vorgaben oder musst bestimmte Worte verwenden, weil sie zu Deinem Fachbereich gehören. Aber es bleibt IMMER genügend Spielraum, um Deinen Schreibstil durchscheinen zu lassen. Ich wiederhole: IMMER. Und ich füge hinzu: Deine Leser werden Dir sehr dankbar sein. Weil Dein Text aus der Masse heraussticht. Weil er „menschelt“.

4. Dein Schreibstil spiegelt Deine Haltung wider – ob Du willst oder nicht

Nach dem Studium eine Vollzeitstelle? Mein erster Versuch in diese Richtung zeigte mir: Ich bin nicht der Typ dafür. Blöderweise fiel mir keine Alternative ein. Also packte ich meinen Rucksack und ging auf Weltreise. Bin ich weggelaufen? War ich feige oder naiv? Nein. Ich wollte schlicht meine Perspektive verändern. Und ich wusste ja schon, dass das Schreiben ungemein beim Reflektieren hilft. Deshalb und weil ich Spaß daran hatte, schrieb ich einen Reiseblog.

Alles ist relativ. Du kannst dieselbe Geschichte als tragischen Fall oder als heroische Tat beschreiben. Nur Du entscheidest darüber mit Deiner Wortwahl.

Probiere mal diese kleine Übung (ich verspreche Dir, dass Du spürbare Ergebnisse haben wirst, wenn Du sie tatsächlich machst): Was hast Du in den letzten Jahren beruflich getan? Schreibe zuerst so, als hättest Du eine Niederlage nach der anderen erlebt. Schreibe dann, als wärst Du die Superheldin im deutschsprachigen Raum. Du merkst: Es ist dieselbe Geschichte, aber eine davon fühlt sich garantiert besser an. Wie wär’s, wenn Du Dich für diese entscheidest? 

5. Dein Schreibstil braucht Fachwissen und Persönlichkeit

Zurück in Deutschland bekam ich eine Stelle als Volontärin und wurde gleichzeitig Chefredakteurin eines Kunstmagazins – das ich zu gründen hatte. In gleich drei Bereiche musste ich mich einarbeiten: in die Kunstgeschichte, den Kunstmarkt und natürlich in die journalistische Arbeit. Obwohl ich anfangs keine Ahnung hatte, musste ich Kunstkritiken und Künstlerporträts veröffentlichen. Anders ging es nicht: Ich arbeitete mich in mein neues Fachgebiet ein und gab auch mal zu, wenn ich etwas nicht verstand.

Versteckst Du Dich hinter Deinem Text? Ich weiß selbst, wie schwer es ist, sich zu zeigen. Deine Persönlichkeit aber ist wichtig, wenn Du einzigartig schreiben willst.

Stelle Dir Deinen Text als Körper vor. Dein Fachwissen bildet das Skelett, dessen Muskeln ihm Persönlichkeit geben. Nur Knochen sind nicht besonders attraktiv anzusehen. Man kann auch nicht erkennen, wer da so durchschau- und austauschbar vor einem steht. Aber ohne ein Skelett fällt auch der anbetungswürdigste Körper in sich zusammen. Wenn Dein Text kein Skelett hat, wird sich der Leser langweilen und sich fragen (wenn er überhaupt bis zum Ende liest), was er in den letzten Minuten gemacht hat.

Ein Text braucht Dein Fachwissen, um stark zu sein und zu informieren. Er braucht aber auch Deine Persönlichkeit, um Leser attraktiv und einzigartig anzusprechen. 

6. Dein Schreibstil lebt davon, dass Du Regeln manchmal bewusst brichst

Eine der wichtigsten Kritiken, die ich als Autorin erhielt, lautete: „Du schreibst zu korrekt.“ Und ich musste dem zustimmen. Ich hatte totalen Respekt vor der Aufgabe und wollte alles richtig machen. 

Bevor Du einen Text einreichst oder veröffentlichst, kontrolliere ihn unbedingt auf Ausdruck, Rechtschreibung und Grammatik. Aber vorher darfst Du die Sau rauslassen. Versuche, spielerisch an Deine Texte heranzugehen. Meine Strategie: Coolnessbrille aufsetzen, Lieblingssong aufdrehen, runterschreiben. Korrigiert wird später. Hab‘ Mut zu einzigartigem Glanz und Gloria!

Respekt zeigt, dass Dir etwas wichtig ist. Aber zu viel Respekt macht steif. 

7. Bonus: Schreiben ist auch (!) harte Arbeit

In meiner Vorstellung sitzen berühmte Schriftsteller nach Mitternacht bei einem Gläschen Absinth, schauen in die Sterne und empfangen Gedankenblitze, die sie makellos und publikationsreif aufschreiben. Selbstverständlich passen sie dann auch chronologisch und inhaltlich zu ihrem aktuellen Buch.

Das ist leider haarscharf an der Realität vorbeigeträumt. Das Schreiben besteht aus mehreren Phasen, und davon sind einige harte Arbeit. Der Moment kommt, in dem Du Dich hinsetzen und an Deine Leser denken musst. Strukturiere den Text, mache Gedankengänge nachvollziehbar, recherchiere nochmals, lösche komplizierte Formulierungen und verabschiede Dich auch mal von einem Absatz, der Dir zwar ans Herz gewachsen ist, aber einfach nicht passt. Wenn Du Dir diese Arbeit nicht machst, haben Deine Leser die Mühe. Und wer wird dann schon weiterlesen?

Sei trotzdem immer bereit, die Küsse Deiner persönlichen Muse voller Dankbarkeit anzunehmen. Und vergiss vor lauter Ergebenheit nicht, sie zu notieren. Dann wird Dein Text so einzigartig, wie Du es bist.

Hast Du im Leben etwas gelernt, das sich in Deinem Schreibstil widerspiegelt?

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