Warum Du Deine Schreibstimme brauchst (und wann sie verstummt)

Diesen Blogartikel zu veröffentlichen fällt mir richtig schwer. Ach was, ihn zu schreiben hat mich schon aufgewühlt. Aber wenn ich Dir etwas Grundlegendes über Deine Schreibstimme mitgeben möchte, kann ich nicht um den Brei herumtheoretisieren. Ich springe direkt in die Pampe rein.

Deine Texte klingen austauschbar? Lass Deine Schreibstimme nicht verstummen! So stärkst Du sie und schreibst einzigartige Texte.

Eigentlich hatte ich den Vorfall längst vergessen. Aber vor ein paar Wochen kam er wieder hoch. Und mit ihm die Scham.

Ich stand damals nichts ahnend im Pausenhof meiner Schule, als eine Bekannte mich auf mein Tagebuch ansprach. Nicht aufs Tagebuch selbst, sondern auf den Inhalt. Die ganze Schule wüsste Bescheid, sagte sie. Es gingen Kopien meiner Texte rum. Du kannst Dir vorstellen, was das macht mit einer Jugendlichen, die sich schon wegen eines kleinen Pickels auf der Nase geniert. Die ganze Schule lachte über Dinge, die ich nur dem Papier anvertraut hatte.

Erst in den letzten Wochen ist mir klar geworden, wie sehr mich dieses Ereignis beim Schreiben gehemmt hat. Es gab immer eine gemeine Stimme in mir, die geflüstert hat: „Schreib das nicht. Du bist ein komischer Mensch. Die anderen werden über dich lachen. Sie werden deine Texte gegen dich verwenden. Willst du einsam sterben?“

Um dieser fiesen Stimme ab sofort die Macht zu nehmen, schreibe ich diesen Blogartikel. Einen Blogartikel, der Dir hoffentlich zeigt: Es gibt alte Wunden, die Deiner Schreibstimme die Tiefe nehmen (und sie im schlimmsten Fall verstummen lassen). Sie halten Dich davon ab, übers 0815-Business-Sprech oder „Texten mit angezogener Handbremse“ hinauszugehen.

Sachtexte in Deiner Schreibstimme? Unbedingt!

Manche Texte sind für niemand anderen als für Dich bestimmt. (Schütze und hüte sie wie einen Schatz.) Mit anderen willst Du Dich und Dein Wissen zeigen, um als Expert*in wahrgenommen zu werden. Diese Sachtexte bestehen aus zwei Elementen:

Deine Texte klingen austauschbar? Lass Deine Schreibstimme nicht verstummen! So stärkst Du sie und schreibst einzigartige Texte.

  1. Fangen wir mit dem scheinbar Selbstverständlichsten an: Fachwissen und Informationen, die Du vermitteln möchtest. Am besten geht das, wenn Du das Handwerk des Schreibens beherrschst.
  2. Weil das aber jede*r lernen kann, brauchst Du unbedingt noch: Dich! Ja, auch Texte im beruflichen Kontext dürfen – und sollten – widerspiegeln, wer sie geschrieben hat. Für Dich bedeutet das: Um Texte mit Deiner Schreibstimme zu schreiben, brauchst Du Mut, Aufrichtigkeit und – Überraschung! – eine Verbindung zu Dir selbst.

Der großartige William Zinsser formuliert es in seinem Buch Nonfiction schreiben* so:

„Was das Handwerkliche angeht, so ist es unverzeihlich, wenn man Leser durch schlampige Arbeit verliert. Wenn ein Leser mitten im Artikel einnickt, weil Sie bei einem Detail gepfuscht haben, dann ist das Ihre Schuld. Aber ob der Leser Sie gut findet, ihm das, was Sie sagen, gefällt, ob ihm gefällt, wie Sie es sagen, ob er Ihnen zustimmt und Ihren Sinn für Humor oder Ihre Weltanschauung teilt, sollte Sie nicht eine Sekunde lang beschäftigen.“

Wer quatscht Deine Schreibstimme stumm?

Vor Kurzem hat mich ein lieber Teilnehmer meines kostenlosen Schreibkurses gefragt, wie man beim Schreiben „Ecken und Kanten“ zeigt. Ich habe ihm zurückgeschrieben:

„Wenn es sich um ‚mein‘ Thema handelt, merke ich, dass die Worte von alleine kommen. Ich nehme stark an, dass Du Dich intensiv mit Deinem Thema auseinandergesetzt und mit der Zeit eine Meinung zu den einzelnen Sachverhalten gebildet hast. Wenn Du die äußerst, zeigst Du automatisch Ecken und Kanten.“

So schreibst Du über Dein Fachwissen. Wie aber schreibst Du darüber mit Deiner Schreibstimme?

Sei aufrichtig. Sprich Deine Wahrheit aus. Setz Dich hin und schreibe ein wahres Wort nach dem anderen auf.

Und wenn das nicht geht: Versuche herauszufinden, was wirklich hinter der Angst steckt. Wem gehört die fiese Stimme, die nur die Informationen auf dem Papier gestattet, Deine Schreibstimme aber verstummen lässt?

Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du ein ernstes Wörtchen mit ihr reden und sie dann verabschieden kannst. Denn hey, wenn ich eine ganze Schülerschar ins Nirwana schicken kann, schaffst Du das auch!

Und nun zu Dir:

Hast Du das Gefühl, dass Dich alte Wunden daran hindern, mit Deiner Schreibstimme zu schreiben? Wenn Du mutig bist, teile Deine Geschichte doch in den Kommentaren. Vielleicht kannst Du dann damit abschließen.

*Dieser Text enthält werbende Inhalte zu meiner Dienstleistung und/oder zu Dienstleistungen/Produkten, von denen ich überzeugt bin. Die mit Sternchen (*) gekennzeichneten Verweise sind Werbe-Links. Ich erhalte eine Provision, wenn du darauf klickst und darüber einkaufst. Für dich verändert sich der Preis nicht. Mehr erfährst Du in meiner Datenschutzklärung.

6 Comments

  1. Huhu Anke,

    danke für deine Offenheit! Hemmungen, meine Schreibstimme zuzulassen, habe ich auch öfter.

    Ich denke manchmal an den Satz einer Freundin zurück. Das ist schon Jahre her, als sie meinte, meine Briefe an sie aus der Zeit XY hätten ihr gar nicht gefallen. Das erschüttert mich bis heute und blockiert auch meine Schreibstimme, weil ich gerade in Briefen (ähnlich wie in einem Tagebuch) ganz viel von mir selbst offenbare.

    Durch solche Spitzen habe ich gelernt, selber den Drang, ständig alles und jeden zu bewerten, abzulegen. Schließlich weiß ich, was das auch Jahre später noch anrichten kann.

    Mittlerweile habe ich auch verstanden, dass unnötig (!) geäußerte Kritik, Lacher und Spott mehr über die Kritiker aussagen als über das, was sie durch den Kakao ziehen. Freue mich auf weitere Blogposts von dir 🙂

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende

    Elise

    Reply
    • Hallo liebe Elise,
      vielen lieben Dank, dass Du auch eine Deiner Geschichten hier teilst. Gerade bei Freund*innen sollten wir uns eigentlich sicher fühlen können, uns (mit unserer Schreibstimme) so zeigen zu dürfen, wie wir sind. Umso toller, dass Du aus Deiner Erschütterung eine Tugend gezaubert hast!
      Großartig, dass Du dabei bist 🙂
      Alles Liebe
      Anke

      Reply
  2. Hallo Anke,
    das Schreiben kann auch Therapie sein. Wir alle haben sogenannte Glaubenssätze aus der Kinder- und Jugendzeit eingetrichtert bekommen, die noch heute wirken. Insbesondere auf der emotionalen Eben kommen diese immer wieder hervor. Und zwar aus dem Unbewussten in stressigen Situationen.
    Davon kann man sich beispielsweise auch durch Schreiben befreien. Sofern man seine Glaubenssätze identifiziert hat, kann man sie kritisch auf Wahrheitsgehalt abklopfen und infrage stellen.
    Daraus entwickelt sich ein therapeutischer Prozess zum Ent-Lernen der Glaubenssätze.
    Wie gesagt, ein kleiner Hinweis, dass Schreiben auch Therapie sein kann.
    Einen schönen Tag wünsche ich Dir und weiterhin viel Erfolg.
    Peter

    Reply
    • Lieber Peter,
      danke Dir für Deinen Hinweis. Dass eine Schreibtherapie viel heilen kann, kann ich mir sehr gut vorstellen.
      Viele liebe Grüße
      Anke

      Reply
  3. Liebe Anke,
    ich bin noch immer sprachlos.
    Eine Geschichte, die mich traurig und wütend macht; mich an all das erinnert, was ich selbst erlebt habe und auch mich aufwühlt; mich innerlich zum Kochen bringt.
    Das Schlimme an diesen Geschichten ist ja, dass die, die betroffen sind, sich schämen, obwohl eigentlich die Verursacher in Grund und Boden schämen sollten.
    Und was das mit dem Betroffenen macht, über die Konsequenzen, macht sich niemand Gedanken. Wie lange einen das begleitet, vielmehr verfolgt, und sich unbewusst im Inneren manifestiert und lähmt / blockiert, wird einem erst viel später bewusst.
    Um Dir zu zeigen, dass Du damit nicht alleine bist, nur eine kleine Geschichte, die mir in meiner Ausbildung widerfahren ist: ich kam in den Aufenthaltsraum zurück, in dem wir Auszubildenden alle zusammen saßen, und bekam im allerletzten Moment mit, wie jemand ganz schnell etwas in meine Tasche zurück packte. Die Tasche war verschlossen, als ich den Raum verließ, da ich bereits die Erfahrung gemacht hatte, dass sich jemand an offen herumliegenden Papieren / Büchern von mir zu schaffen gemacht hat. Selbst das Einpacken und Verschließen hat nichts gebracht und es hat sich jemand daran bedient. Meine Fassungen, mein Schreibgut über den Ausbildungsabschnitt wurden herausgenommen und kopiert, anschließend abgeschrieben.
    Bis heute habe ich ein Problem damit, Materialien, was auch immer, mit anderen zu teilen. Obwohl ich mich schon als Teamplayer bezeichnen möchte und natürlich auch dafür bin, Ergebnisse und Erkenntnisse mit allen, die im gleichen Bereich arbeiten, zu teilen, damit alle den gleichen Wissensstand haben. Trotzdem ertappe ich mich immer wieder dabei, wie es mir oft schwer fällt, meine Erkenntnisse den Kolleginnen und Kollegen zur Verfügung zu stellen. Insbesondere, wenn es sich um mein eigenes geistiges Eigentum handelt.
    Ich danke Dir für Deine Offenheit und Deinen Mut! Bleib weiter so! 🙂
    Alles Liebe,
    Julia

    Reply
    • Liebe Julia,
      vielen lieben Dank für Deine Offenheit und Deinen Mut, Dich mit Deiner Geschichte zu zeigen.
      Du hast vollkommen Recht: Es gibt keinen Grund dafür, dass wir uns schämen. Lass uns gemeinsam die Scham schamlos an die Täter zurückgeben und das Kapitel schließen!
      Ich hoffe, Du kannst immmer wieder ein kleines Stückchen mehr, so wie heute, Deine Erkenntnisse (mit Kolleg*innen) teilen – und Dich auch vom Wissen anderer bereichern lassen.
      Alles Liebe und nochmal ein großes Dankeschön
      Anke

      Reply

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