Wie Du in 6 Schritten einen einzigartigen Text schreibst (+ Infografik)

Sechs Tage Paris. Du warst noch nie dort, aber Du willst alles mitnehmen. Jede Sekunde Pariser Flair einatmen. Mit dieser Erwartungshaltung wirst Du nie losfahren. Auch wirst Du niemals zum Schreiben ansetzen, wenn Du sofort einen Bestseller landen willst.

Schreiben ist ein Städtetrip: So wie sich Dir Paris erst nach und nach erschließt, entsteht auch Dein Text Schritt für Schritt.

Wie sollst Du das alles in sechs Tagen schaffen und anschließend nonchalant auf Französisch über die Sammlung des Louvre parlieren? Wie sollst Du neben Deinem Beruf von jetzt auf gleich zur gefeierten Autorin werden?

Better done than perfect! Ich zeige Dir in sechs Schritten, wie Du Dir Paris trotzdem eroberst. Sechs Schritte, in denen Du souverän einen Text schreibst – auf Deine Weise.

1.  Recherchieren: Töte das Cliché

Clichés sind wabernde Vorstellungen, die wenig mit der Realität zu tun haben. Sie entstehen, wenn man nicht Bescheid weiß und nur „mal davon gehört hat“. Entsprechend lullen viele Texte mit seichtem Gelaber ein. Sie sind der Monsieur mit der Baskenmütze, eine Baguette im Arm, Käse und Wein im Korb seines Vélos. Aber mit Substanz schreiben und Mehrwert bieten geht anders.

Deshalb lautet der erste Schritt: Stelle eine Frage, die Du konkret beantworten kannst. Was genau willst Du Deiner Zielgruppe mitteilen? Das ist der Arbeitstitel des Textes (die richtige Überschrift finden wir später).

Jetzt beginnst Du, nach Antworten zu suchen. Natürlich passt der Umfang der Recherche zur geplanten Länge Deines Textes. Ein knackiger Reiseführer reicht für einen kurzen Städtetrip. Vier bis sechs fundierte Artikel reichen für einen Text in Blogpostlänge. Vergiss dabei nicht, dass Du selbst Fachwissen und eine Haltung zum Thema hast. Beides wollen Deine Leser unbedingt lesen!

2.  Rohtext: Schreib. Los. Irgendwo.

Zuerst fühlt sich alles nach „zu viel“ an: Die fremde Sprache (Huch, die sprechen ja viel schneller als im Französischkurs!), die unzähligen Museen und, ach ja, die Jahrhunderte alte Kultur.

Aber Du tust das einzig Sinnvolle: Du gehst los. Die Frage ist nur: Flanierst Du oder startest Du mit einem Plan? Abhängig davon, welcher Schreibtyp Du bist, wählst Du einen dieser Wege:

  1. Du schreibst drauflos und strukturierst den Text hinterher.
  2. Du erstellst eine Gliederung und schreibst die einzelnen Abschnitte nacheinander runter.

Keine der beiden Optionen ist besser als die andere. Sie sind nur unterschiedliche Wege zum selben Ziel – zu einem wertvollen Rohtext. Gleich erkläre ich Dir, wie Du vorgehst. Aber vorher will ich das Fragezeichen über Deinem Kopf auflösen: Was zum Schreibhenker ist ein Rohtext?

Einen Rohtext tippst Du sehr schnell. Wenn Du etwas nicht weißt, markierst Du die Stelle mit XXX (um sie später mit der Suchfunktion wiederzufinden) und schreibst weiter. Du achtest nicht auf Rechtschreibung, Grammatik und Logik. Du recherchierst nicht. Du denkst weder über Deinen Schreibstil noch über Deine Wortwahl nach. Die Meinung anderer – ja, sogar Deine eigene! – sind jetzt unwichtig. Ach ja, das WLAN bleibt natürlich ausgeschaltet. Es gibt nur Dich und Deine Gedanken, die über Deine Finger durch die Tastatur auf den Bildschirm fließen.

Der Rohtext ist der erste Schritt in Richtung eines einzigartigen Textes, den Du veröffentlichen wirst. Du schreibst ihn in dem Wissen, dass ihn so, wie er ist, niemand lesen wird. (Du würdest ja auch nicht nackt auf die Straße gehen.) Er ist so intim, dass Du alles reinschreiben kannst – auch richtig peinliche Dinge. Und ich verspreche Dir: Wenn Du mutig durch den freakigen Mist watest, wirst Du eine Goldgrube an einzigartigen Ideen und Ausdrücken finden.

Du kannst eine Stadt nur kennenlernen, wenn Du hinfährst. Genauso kannst Du einen Text nur veröffentlichen, wenn Du ihn vorher geschrieben hast. Deshalb musst Du erscheinen. Vor Deinem Laptop. Und einen Rohtext tippen.

Nun aber zu den beiden Wegen. Welcher spricht Dich eher an?

2.1 Dein Rohtext zuerst: Du bist die intuitive Flaneurin

Du lässt Dich vom Pariser Flair überraschen. Du startest dort, wo Du schon immer mal hin wolltest, oder machst das, was Dich in diesem Moment am meisten lockt. Wenn Dir danach ist, biegst Du in ein verträumtes Gässchen ab. Spontan besuchst Du eine Ausstellung im Völkerkundemuseum musée du quai branly und stolperst zufällig über den Eingang des Jardin du Luxembourg.

Mit dem Arbeitstitel im Kopf schreibst Du zuerst über den Aspekt, der Dich am meisten fasziniert. Du schreibst, ohne groß nachzudenken, und lässt Dich von Deiner Intuition leiten. Du springst von einem Thema zum anderen, lässt Deinen Gedanken freien Lauf. Nach etwa 20 Minuten machst Du eine Pause. Um dann wieder zu flanieren, bis Deine Ideen erschöpft sind – und Du auch.

2.2 Deine Gliederung zuerst: Du bist die strukturierte Entdeckerin

Du hast Dir für die sechs Tage in Paris einen festen Plan gemacht, den Du konsequent verfolgst. Schließlich willst Du nichts verpassen: weder den Eiffelturm noch den Louvre und auch nicht die Schifffahrt auf der Seine.

Du startest mit einem Cluster oder einer Mind-Map. In der Mitte steht Dein Arbeitstitel, die „Ärmchen“, die von ihm ausgehen, beantworten die Frage. Sobald diese Gliederung steht, schreibst Du den Rohtext. Indem Du einen Aspekt nach dem anderen abarbeitest.

Bevor Du: Für welchen Weg entscheidest Du Dich?

3.  Roter Faden: Bringe ihn zum Leuchten

Du weißt nun, wo die Reise hingehen soll. Egal, wie Du Paris erkundet hast – Du hast Dich in Montmartre durch die Touristenströme gequetscht und zum Eiffelturm hinaufgeschaut. Du hast gelernt, dass es „une baguette“ und nicht „un baguette“ heißt – das Du stolz in der Landessprache bestellst. Du weißt, dass Du unbedingt noch ein schönes Plätzchen im Schlosspark Jardin du Luxembourg finden willst. Und Du hast Dich bewusst gegen den Triumphbogen entschieden, um Dich nicht auf der Place Charles-de-Gaulle überfahren zu lassen.

Dein Text hat jetzt einen roten Faden. Aber es reicht nicht, dass er einfach nur matt schimmernd existiert. Jetzt bringst Du ihn zum Leuchten. Befreie den Faden von Textfragmenten, die ihn überdecken, und verstärke das, was ihn ausmacht. Dieser Schritt ist Fleißarbeit. Auch, wenn es manchmal zäh wird: Bleib dran! Und sei unbedingt mutig.

  • Suche nach den XXX-Stellen und ergänze die Informationen, die Dir gefehlt haben.
  • Füge gegebenenfalls weitere Aspekte hinzu.
  • Baue einzigartige Gedanken und Metaphern aus.
  • Kill your darlings! Kürze die Textabschnitte, die Du liebst, die aber einfach nicht passen. Deine Leser werden es Dir danken. (Ich habe für längere Textprojekte eine Datei, die ich „Texte, die die Welt nicht braucht“ nenne. Hier kopiere ich meine Darlings rein – mit dem Wissen, dass ich sie jederzeit wiederbeleben kann. Ganz ehrlich: Ich habe noch nie in eine dieser Dateien reingeschaut.)
  • Kontrolliere: Beantwortest Du die Frage, die Du im Arbeitstitel gestellt hast?
  • Schreibe Übergänge.
  • Lasse den Text auch mal liegen und schaue erst am nächsten Tag wieder drauf.

4.  Titel finden: Überwinde das Cliché

Hast Du es gemerkt? Monsieur Cliché mit der Baskenmütze ist auf seinem Vélo verschwunden. An seine Stelle ist der charmante Kellner getreten, der Dir gestern Rotwein serviert und später traurig erzählt hat, dass seine Mutter ihn nie besuchen kann – weil er im siebten Stock ohne Aufzug wohnt. Oder die Kunststudentin, die täglich im Jardin du Luxembourg Skulpturen abzeichnet und die Dir vom Stadtplaner Georges-Eugène Haussmann erzählte, dem Paris seinen besonderen Charme zu verdanken hat.

Genauso subtil ist auch Dein Arbeitstitel in den Hintergrund getreten. Dafür beleuchtet der rote Faden einen oder mehrere mögliche Überschriften. Es ist ein bisschen wie im Garten Eden: Such Dir eine aus, die Dir in den Schoß fallen darf. Und dann feilst Du sie öffentlichkeitsreif.

5.  Feinschliff: Du genießt einen einzigartigen Tag in Paris

Du weißt genau, wie Paris zu einem einzigartigen Erlebnis für Dich wird. Klar, Du könntest immer noch viel entdecken. Aber das hebst Du Dir für ein andermal auf. Lieber verabschiedest Du Dich ausführlich von den lieb gewordenen Orten.

Ebenso detailverliebt streichst Du über Deinen Text. Du schleifst hier ein bisschen, stellst da eine Formulierung um. Schlägst nach, ob das eine Wort auch wirklich so geschrieben wird. Du überprüfst, ob die Kommata sitzen.

Wenn Du schon vor dem Feinschliff immer wieder an Deinem Text feilst, wirst Du ihn erst in fünf Jahren veröffentlichen.

Wichtig: Der Feinschliff ist ERST JETZT dran. Wenn Du schon vorher immer wieder an Deinem Text feilst, wirst Du ihn erst in fünf Jahren veröffentlichen. Wenn überhaupt.

6.  Lektorat: Eine Freundin flaniert mit Dir

Und da ist sie ja – die langersehnte Reisebegleitung. Du hast Deiner Freundin schon viel von Paris erzählt. Jetzt hakst Du Dich bei ihr ein und führst sie durch die Stadt. Natürlich zitterst Du ein bisschen, schließlich gibst Du ihr gerade einen Einblick in „Dein“ Paris. Aber Du merkst schnell, dass Du nicht nervös zu sein brauchst. Voller Entdeckungsfreude biegt Deine Freundin in ein elegantes Gässchen ab, das Du vorher nicht gesehen hast. Sie macht Dich auf eine versteckte Skulptur im Jardin du Luxembourg und auf die Freiheitsstatue auf der Seine aufmerksam.

Nicht jeder ist in der Lage, einen Text zu lektorieren. Denn es reicht nicht, die wesentlichsten Grammatikregeln zu kennen. Genauso wichtig ist ein liebevoller, aufrichtiger Blick.

Wer lektoriert, sollte es gut mit Dir und Deinem Text meinen.

Texte, die von Herzen kommen, sind intim. Wenn Du also jemandem zum ersten Mal Deinen Text zeigst, wähle unbedingt eine Person, die es gut mit Dir meint. Wer sich nicht vom eigenen Schreibstil und den eigenen Erwartungen distanzieren kann, zerstört leicht das Selbstvertrauen des anderen. (Fällt Dir grade Dein Deutschlehrer ein?)

Denke unbedingt daran, dass eine Lektorin keine Korrekturen vornimmt, sondern Änderungsvorschläge macht. Wenn Du sie nicht für sinnvoll hältst, übernimm sie nicht. Es ist Dein Text, der unter Deinem Namen veröffentlicht wird.

Die sechs Schritte zum einzigartigen Text im Überblick

Ich habe Dir die sechs Schritte in einer Grafik aufbereitet. Drucke sie aus und hänge Sie sichtbar an Deinem Arbeitsplatz auf. Denk dran: Ein Text entsteht, wenn Du die sechs Schritte gehst. Sonst bleibt er ein Geist in Deinem Kopf.

Wie Du in 6 Schritten einen einzigartigen Text schreibst, Infografik

Was motiviert Dich eher? „Ich schreibe einen Text.“ Oder: „Heute Nachmittag recherchiere ich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von Paris.“ Mit Sicherheit wird Dich die zweite Aussage eher anspornen, denn sie ist konkret und in einem überschaubaren Zeitraum machbar. Wenn Du weißt, was Du wann tun willst, wirst Du ins Handeln kommen. Und bald einen einzigartigen Text veröffentlichen.

Und bevor Du jetzt Paris eroberst (oder Madrid, oder Bottrop), verrate mir doch in den Kommentaren:

In welchem Schritt bleibst Du am häufigsten stecken?

 

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